Der Therapeutische Club

In einem Studentenwohnheim der Evangelischen Studentengemeinde München am Steinickeweg gab es 1972 eine Gruppe von Studenten, die in einem Diskussionskreis ihre eigenen Erfahrungen oder die ihrer Studienkolleginnen mit der Psychiatrie verarbeiteten, woraus sich eine Art Selbsterfahrungsgruppe gebildet hatte. Sie waren vor allem erschrocken über die Verhältnisse im Bezirkskrakenhaus Haar bei München und der Psychiatrie überhaupt. Zur selben Zeit diskutierte ich auf einer Tagung der AG-SPAK meine Kritik am SPK (siehe hierzu "Das Scheitern des "Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg"") mit vielen Interessierten und traf dabei auf Rolf Schwendter, der sich dafür interessierte. Er kannta auch die Gruppe im Studentenwohnheim der Evangelischen Studentengemeinde München, und forderte mich auf, doch mal zu deren "JourFixe" zu kommen. Die Studenten des Heims erzählten von sich und ihren Freundinnen und Freunden und wie sie begonnen hatten, auch über ihre psychischen Probleme zu sprechen und Wege aus der Logik der Absonderung in die Psychiatrie zu suchen. Einige waren schon mehrfach in der Psychiatrie und wollten den Betrieb ihrer Drehtürpsychiatrie entgehen. Gerade war auch eine allgemeine Diskussion über die Auflösung der Irrenhäuser in Italien entbrannt und man begeisterte sich für Franco Basaglia, der hierfür viel Grundlegendes getan hatte.

Das Elend der Psychiatrie und Psychotherapie war zu jener Zeit kritischen Menschen allseits bekannt. Es mussten Grundlagen geschaffen werden, um die Ausrichtung der Hilfe, ihre Möglichkeit und ihre Grenzen und auch ihren Sinn von den hiervon Betroffenen bestimmen zu können. Ein zentrales Problem war sehr schnell in der psychiatrischen Diagnostik und ihren sozialen Konsequenzen durch die damit formatierte Etikettierung von Menschen. Durch eine Befassung mit der vorhrrschenden Begrifflichkeit der sogenannten "psychischen Krankheit" und mit der Abweisung des psychiatrischen und bürgerlichen Krankheitsbegriffs kam die Diskussion in der Gruppe schnell auf die gesellschaftlichen Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung nicht integrierter Menschen. Es entstand eine gesellschafts- und kulturkritische Position, die sich gegen die zu jener Zeit gängigen Entwertung menschlicher Wesenseigenschaften auch in anderen Bereichen bürgerlicher Existenz verbreitet war und dem Instrumentarium, mit dem sie nicht nur in Zeiten des Faschismus ondern auch weiterhin als Normalitätsverständnis durchgesetzt wurde.

Über eines waren wir uns schnell einig: Niemals sollten Psychopharmaka oder die Anwednung von Elektroschocks und Insulinschocks von uns empfohlen oder vermittelt werden. Es sollte allein die Entscheidung der Betroffenen bleiben, was sie einnehmen und wem sie Glauben schenken wollten. Psychopharmaka sind bestenfalls Notfallmedizin, die irreversible Entwicklungen (z.B. Zwangsunterbringung, Drogenkonsum, Suicid) verhindern, aber auch selbst irreversible Störungen der Wahrnehmung bewirken konnten, denn sie ware auch nichts anderes als eine kalkulierte Drogenwirkungen. Um die Internierung in eine psychiatrische Anstalt oder die Einnahme von chemischen Prothesen und Gefühlsblocker zu verhindern, sollten alle möglichen Auseinandersetzungen mit den Problemen der Betroffenen versucht werden. Außerdem sollte der Rückhalt der so entstandenen Beziehungen einen Aufenthalt in der Psychiatrie abkürzen, wenn er für den Betroffenen selbst nicht zu umgehen war.

Der Studentenpfarrer Althaus unterstützte die Gruppe und schlug vor, deren Diskussionen und Möglichkeiten auch öffentlich auszuweiten. Und das ging dann auch ziemlich schnell, nachdem ich meine Überlegungen, die aus meinen Erfahrungen mit dem SPK entstanden waren, vermittelt hatte. Daraus leiß sich eine Struktur und Arbeitsweise ableiten, die sich von den schon bekannt gewordenen Psychogruppen deutlich absetzte. Ich schrieb die ersten Statuten, denen zu Folge die individualtherapeutischen Werkzeuge und Begriffe und "Introspektionen" abgewiesen wurden. Es sollten als Mittel der Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen Einzelgespräche und themenzentrierte Gesprächsgruppen als rein durch Sprache verarbeitende Methode der Gruppe auf ihre gesellschaftliche Wirklichkeiten eingerichtet werden. Aus der Kommunikation von Psychiatrieinsasssen und anderen Interessierten sollten gesellschaftliche Inhalte ihrer Vermittlung dienen. Damit war deren wesentlicher Zweck formuliert. Wir nannten uns "Therapeutsischer Club" in Anlehnung der "Therapeutischen Gemeinschaften", die Basaglia für die italienische Antipsychiatrie vorgeschlagen hatte. Und wir bekamen kurz darauf von der Studentengemeinde München auch ein Büro und Nutzungsrechte für Gruppenräume und Kellerbar und Geldmittel vom Diakonischen Werk, zum Betrieb einer Studentenberatung. Diese war ganz öffentlich und wurde auch so genutzt. Aus Platzmangel waren wir inzwischen in ihr Haus in der Friedrichstraße umgezogen und darin voll in die Gemeinde der Studenten integriert. So fanden sich dort viele neue Leute aus der Studentenschaft und Betroffene aus der Psychiatrie ein, die Rat und Hilfe, Ansprache und Mitsprache suchten. Auch Menschen, die hier aus ihrer solialen Absonderung an Unterstützung interessiert waren, kamen dazu.

Wir betrieben also keine Verhaltensaufforderungen zur Psychopharmakaverweigerung, weil wir auf den Rückhalt des Vereins vertrauten, bzw. vertrauen wollten, also darauf, der Einnahme dieser Mittel durch freundschaftliche Auseinandersetzung entgegenwirken zu können. Schließlich war es für die Betroffenen damals noch ein hohes persönliches Risiko, sich der psychiatrischen Rezeptur zu widersetzen, solange sie noch mit Psychiatrie zu tun hatten. Wir waren mit diesem Problem noch völlig am Anfang. Antipsychiatrische Selbsthilfe gab es zu dieser Zeit noch nicht und auch kein festes Wissen darüber, wie man nach Dauereinnahme von Neuroleptika sich entwöhnen kann, ohne wieder in pharmakologisch verursachte Psychosen hineinzurutschen.

Wir wollten und mussten uns daher mit den gesellschaftlichen Gründen der "psychischen Krankheit" befassen und auch die öffentlichen Reaktionen hierauf beeinflussen (siehe hierzu auch Was heißt da: Psychisch krank?). Sie spielten in der Abwärtsspirale im Leben der Betroffenen durch Ausgrenzung eine zentrale Rolle. Zu oft wurde aus einfachen Lebenskrisen ein psychiatrischer Aufenthalt mit fatalen Folgen für den Lebensweg der Betroffenen: Stigmatisierung, "Karriereknick", Empfindungsstörungen, Hospitalisierung. Ein weiteres Problem waren auch die körperlichen und geistigen Konsequenzen der Psychopharmakaeinnahmen. Sie wurden von der Psychiatrie und der öffentlichen Meinung als Fortschritt der Psychotherapie gefeiert und entsprechend vorbehaltslos eingesetzt. Daneben gab es auch noch die älteren "Kuren", die Elektro- und Insulinschocks, brutale Eingriffe in den Organismus, die oft zum Totalausfall der geistigen Bewegungsfähigkeit führten und für viele das ganze weitere Leben bestimmten. Von Konzentrationsstörungen und Unrast geplagt, suchten einige einfach nur Anschluss an eine Gruppe, die offen für sie war und sich nicht propsychiatrisch einsetzte, äußerte oder betätigte, sondern dich hiervon absetzte und anprangerte, was sie sind: Drogen zum Kurzschluss des Lebens. Sie stellten vor allem das Interesse der "Krankheitsbeherrschung" und der dem entsprechenden Gesundheitsindustrie und Verwaltung dar, die sich in der Art und Weise ihre Bürokratie und Pharmakologie gesellschaftlich stark gemacht hatte. Tatsächlich kamen bald immer mehr Menschen – entweder um diese Zustände der psychischen Isolation und Kasernierung anzuprangern und Alternativen aufzubauen und zu nutzen, oder weil sie nirgendwo anders eine Kontaktmöglichkeiten und eine wirkliche Antwort auf ihre Lebenssituation gefunden hatten.

Ich war damals Psychologiestudent und später Psychologe in diesem Verein und wollte auf keinen Fall mit irgendeiner der mir bekannten Methoden und Theorien arbeiten. Ich hatte kurz und schmerzvoll genug einige ihrer Anwendungen mitgekriegt. In einer ambulanten psychoanalytischen Therapie hatte ich die Macht von Übertragungstechniken zu spüren bekommen und war überzeugt, dass man dort nur weiterkommt, wenn man seinen Verstand an eine abstrakte individualpsychologische Begrifflichkeit abgibt, bzw. verliert (siehe auch Zur Kritik des Freudschen Systems der Psychoanalyse). Durch einige Freundinnen und Freunde und selbst in einer antipsychiatrischen Selbsthilfegruppe hatte ich mitbekommen, wie Menschen in der Psychiatrie niedergemacht wurden und welche Strategie sie verfolgte. Ich wusste aus diesen Erfahrungen vor allem eins: Die Begrifffe und Methoden der Psychotherapie gingen an allem vorbei, was die Wirklichkeit psychischer Not ausmachte. Im Bezug auf die existentiellen und kulturellen Gründe war sie reaktionär, d.h. sie deckte nur zu, was nach Emanzipation verlangte. Was die einen mit ihren Begriffsurteilen und Übertragungen taten, das taten die anderen mit ihren Pillen und Spritzen. Psychopharmaka waren nicht nur Problemkiller, sondern auch Potentaten der Selbstentfremdung und Trümmerbomben gegen das Leben der Betroffenen. Der psychiatrische Krankheitsbegriff nach Kräpelin und die Institution Psychiatrie als Ganzes waren ein als Nothilfe gekleidetes Machtgebilde, das den Menschen, die sich ihm anvertrauten oder die aus "medizinischer Indikation" oder als "Maßnahme der sozialen Ordnung" (Zwangsunterbringung) dorthin gelangten, nicht wirklich helfen konnte – und dies auch gar nicht wollte. Es gab nur eine vollständig in einem funktionellen Verständnis von "Therapie" befangene Psychiatrie, die darauf bedacht war, Symptome niederzudrücken, ihren Sinn also zu bekämpfen und damit das darin ausgedrückte Leben vollens zu zerstören. Psychiatrie hatte die Menschen vor die Alternative zu stellen, entweder sich mit irgenwelchen Techniken der Selbstbeherrschung und Selbstunterdrückung in das herrschende Leben zu integrieren oder sich als abgesonderte absonderliche Menschen von ihr warten zu lassen. Sie war immer noch das, was sie seit langem war: Die Wärterin des Wahnsinns (siehe hierzu "Arbeit am Wahnsinn"), Vollstreckerin der gesellschaftlichen Kontrolle, manchmal auch noch die Kaserne für die Abrichtung der Lebenswerte und die Behandlung der Aufgebebenen, des "lebensunwerten Lebens". Basaglia nannte dies zu Recht ein "Befriedungsverbrechen", denn diese Funktion konnte Psychiatrie nur haben, damit die Kultur, die solche Absonderung erzeugte, in Ruhe weiter bestehen kann – ungestört durch die Internierung ihrer "Entarteten".

Im Heidelberger SPK hatte ich einerseits die Erfahrung gemacht, dass sich die Betroffenen selbst am meisten zu sagen hatten und sich auch am besten gegenseitig schützen und unterstützen konnten. Andererseits hatte ich auch erlebt, wie Willkür und Psychoterror entsteht und sich schnell ein gewaltiger Gruppenzwang hinter dem Rücken gut meinender Menschen bilden kann, die aus ihrem Zusammensein eine Burg gegen die Welt schaffen wollen. Ich fand es daher elementar für eine solche Gruppe, sich "mit dem Leben draußen in der Welt" zu befassen, welche die Selbstverwerfung verursacht hat. Es galt, einen gemeinsamen Bezugspunkt durch ein Bewusstsein der eigenen gesellschaftlichen Situation zu finden, nicht nur in der Abgrenzung von ihr, sondern auch als Beziehung auf sie und durch ein Leben und Tun, das daraus sich auch folgerichtig ergibt. Dabei hielt ich es für möglich, durch Auseinandersetzung und durch Einsichten und Erkenntnis und durch die Erfahrung von Solidarität die Hürden der sozialen Abgrenzungen zu überwinden und sich auf das eigene Leben wieder besinnen zu können – nicht um sich bruchlos wieder in die Welt der Notwendigkeiten einzufinden, sondern um an der Geschichte teilzunehmen, die auch andere Menschen dort haben und machen, die sich gegen die Mechanismen einer bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Kultur und Produktionweise in irgendeiner Weise, direkt oder indirekt zur Wehr setzen.

Die gemeinsame Grunderfahrung unserer Gruppe war, dass vieles getan werden konnte, um den Teufelskreis einer seelischen Verzweiflung und das Verschwinden in den Einrichtungen der herrschenden Gesundheit zu unterbrechen. Das konnte nur erreicht werden, indem sich die Menschen in ihren individuellen Nöten zusammenfinden, um aus ihrer individuellen Not ihrer gemeinschaftlich Not zu erkennen und damit weiter zu kommen. Psychische Isolation ist der wesentliche Umstand, der den Kreislauf der Not abwärts treibt. Die Therapieangebote der Psychologie und Psychiatrie waren oft keine Alternative für gemeinschaftliche Erkenntnisse eines fremd gewordenen Lebens, das sich im subjektiven Zirkel ihrer Selbstwahrnehmungen umtrieb, wo es seine Wahrnehmungszustände bewirkte und verfestigte; im Gegenteil: Die insgeheime Besprechung dieser Isolation mit den Experten der Seele und die sogenannte "Behandlung" bestärkten sie durch ihre diagnostischen Unterstellungen und Einordnungen. Schon einzelne Beziehungen, Gespräche und Diskussionen, die in dieser Gruppe im Wissen um das Problem des sozialen Abseits und den Methoden der Psychologie und Psychiatrie entstanden, verhinderten oft das "Abstürzen" ins Nichts, wenn sie unter wirklich interessierten Menschen Rückhalt fanden, die auch einander stützen konnten.

Um öffentliche Gelder auch vom Bezirk Oberbayern zu erhalten, gündeten wir schließlich den Verein, den wir nun auch vereinsrechtlich den Therapeutischen Club e.V. nannten. Der Name sollte auch öffentlich eine etwas lockere Kritik an der bestehenden "Psychotherapie" der "psychischen Krankheit" ausdrücken und an das italienische Konzept vonh Franco Basaglia erinnern und zeigen, worum es eigentlich auch gehen kann: Um das Zusammensein von Menschen, die sich nicht therapeutisch institutionalisieren lassen wollen und die eine freie zwischenmenschliche Beziehung schon als das ansehen, was Therapie nur verspricht und hochstilisiert. Der Club sollte vor allem gegen das Ausflippen in Krisensituationen helfen.

Der Club wurde zunehmend für elementare und existentielle Probleme "zuständig". Bald wurden mehr Mittel und Räume nötig, um dem Zulauf entsprechen zu können. Unter dem Dachverband der Inneren Mission als Trägerverein wurde der TC in die Lage versetzt, öffentliche Gelder auch von der Stadt München und vom Bezirk Oberbayern zu bekommen und wurde bald zu einer quasi offizielle Einrichtung, die über die Studentengemeinde als eine Beratungsstelle geführt wurde.

Und so wurden wir zu einer Gruppe, die auch für einzelne Beratungen öffentlich zur Verfügung stehen musste. Wir wollten dort aber vor allem den Zugang zu unseren Selbsterfahrungsgruppen vorbereiten und daraus auch die Themen beziehen, die dort zu besprechen waren. Wir hatten inzwischen unsren Anspruch weiter entwickelt, psychische Probleme als gesellschaftliche zu begreifen und zu vermitteln. So entstand ein Zusammenhang von immer mehr verschieden begründete Treffen: Theoriekreise, Betreuungstreffen, Jourfixe und Geselligkeiten an der Bar und hie und da auch eine Tagung in den Bildungsstätten der Studentengemeinde. Es war eine Gruppe von vielen verschiedenen Menschen entstanden, ein "bunter Haufen" von Psychiatrie-Betroffenen, Berufstätigen, Studenten, Sozialarbeitern, Pädagogen, Philosophen und Psychologen, die sich seit Anfang der 70er Jahre gegründet hatte, um Menschen beizustehen, die in die Fänge der Psychiatrie geraten waren oder zu geraten drohten.

Mit der Zeit entstanden schließlich auch Arbeitsstellen für einen Psychologen und einen Sozialarbeiter und einer Schreibkraft. Das war unumgänglich, wenn wirklich etwas gegen die elenden "Psychiatriekarrieren" getan werden sollte: Man benötigte Gutachten, alternative Existenzabsicherung, Supervision und auch Beratung, die über die durchschnittliche Lebenserfahrung hinausging. Damit sich solche Expertenleistungen aber nicht dieser Erfahrung in altbekannter Ignoranz verselbständigen konnte, wollten wir diese Stellen nicht an Professionelle vergeben, die sich unseren Diskussionen und Auseinandersetzungen mit irgendeinem "Fachwissen" überordnen und entziehen konnten. Es gab hiervon zu viele, die solche Position nur als Entwicklung ihrer Pofessionalität und Sprungbrett zu einer bürgerlichen Karriere nutzen wollten. Also wurden die Stellen nur an Leute vergeben, die sich vollständig in den Verein integrierten und ihren Lohn mit fünf sogenannten "Laienhelfern" zu teilen bereit waren. Laien bekamen von öffentlichen Geldern nichts ab, auch wenn sie denselben Aufwand für ihr Tun hatten, wie die Profis. Die Umlage sollte dem Verein insgesamt nutzen und dem professionellem Besitzstandsdenken dadurch entgegenstehen, dass alle den gleichen Lohn, einen Bruchteil der bezahlten Gehälter bekamen. Alle Betreuer, ob Profi oder Laie, wurden einfach nur als kräftige Menschen mit Hintergrundwissen angesehen. Und die Kräftigen wurden gebraucht, um die Schwachen zu stützen.

Es entstand so etwas wie ein Betreuerteam der Erfahreneren, die sich zur Beratung und Hilfeleistung geeignet fanden und als Tutoren bezeichnet wurden. Unsere Hilfe bestand bald aus der Organisation und Betreuung von Wohngemeinschaften des Diakonischen Werks, Gruppengesprächen und Einzelbetreuungen. Im Tutorenplenum besprachen wir die Einzelbetreuungen. in den Selbsterfahrungsgruppen wurden anhand von Themen, die sich aus der Diskussion ergaben, die Erfahrungen z.B. Mit Femilie, Schuldgefühl, Minderwertigkeitsgefühlen, Angst und Panilkattaken und Depressionen zur Sprache gebracht. Sprache sollte das einzige Medium der Verständigung sein, weil der Zugang durch sie in die breitesten Beziehungen und Zusammenhänge führen konnte. Wir gingen davon aus, dass hierüber Bewusstsein gebildet werden konnte, das auch in die nichtsprachliche Welt der Gefühle und Kränkungen führen konnte.

Meine Arbeit als Psychologe in diesem Verein folgte daher zwei zunächst getrennten Anliegen: Zum einen ging es um die Herausarbeitung seelischer Not aus den Gefühlszuständen der Betroffenen, aus den darin aufgehobenen und unbewusst gewordenen Empfindungen zu erkunden; zum anderen wollte ich auch die gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die solche Nöte hervorrufen, thematisieren und meine Kritik hieran ganz allgemein mitteilen. Ich wollte die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslage so führen, dass die eigene Beteiligung an den Lebensgrundlagen dadurch zum eigenen Lebensproblem wird, dass sein identischer Bezugspunkt erkennbar wird. Es reicht hierfür nicht aus, die Welt als leeres gewalttätiges System oder als ein reines Machtgebilde zu verstehen. Das reicht nicht mal dafür, die eigenen Lebenskränkungen zu erklären und zu überwinden. Was kann das Innere eines Menschen kränken, verletzen, ängstigen, verfolgen, entgeistern, süchtig machen usw., das nichts als bloße Gewalt wäre, Machtausübung ohne Sinn? Wieso sollte eine reine existentielle Notwendigkeit, die Anforderungen von Lebensbedingungen einen Menschen gegen sich selbst bedrängen? Die Frage nach der Emanzipation aus seelischer Selbstverwerfung war somit auch die Frage nach dem Grund, der solche Unterwerfungsprozesse subjektiv in Gang setzt und in Gang hält. Es war eine Sinnfrage – sowohl als eine gesellschaftliche Frage, wie auch als die Lebensfrage eines Menschen in der Gesellschaft. Wo er einfach nur bedroht ist, hat solche Frage keinen Sinn, wo er aber keinen Sinn für sich findet, muss er sich auch fragen, wer oder was ihm dies nimmt oder genommen hat. Von Geburt an sind wir alle ähnlich. Erst nach eigenem Tun unter bestimmten Lebensbedingungen entstehen die Verwerfungen, welche uns vor uns selbst befangen sein lassen. Um beides geht es: Um die Selbstbefangenheit in unseren Lebensbedingungen.

Das war ein allgemeines Anliegen, das auch in der Organisation bewusst formuliert war. Die Selbstbefangenheit und die Lebensfrage ließ sich nicht einfach und unmittelbar aufeinander beziehen. Subjektiv stand immer der Versuch im Vordergrund, aus den Gefühlszuständen herauszukommen, die als Selbstbedrängung oder Ausflippen abliefen; objektiv war die innere Isolation von den Menschen als Grund für die selbständige Form der Lebenskrisen bekannt. Die ist nicht durch ein einfaches Beisammensein von Betroffenen überwunden. Es ging um ganze Geschichten der inneren Emmigration und um die Notwendigkeit, diesen Prozess umzukehren. Ganz allgemeine Gebote und Zwänge der bürgerlichen Kultur hatten sich im Prozess der Sozialisation (besonders in der Familie) tief in die Menschen eingegraben und die Selbstverödung oder Selbstbedrängung bewirkt, und dieselben bestehen auch weiter und öffentlich fort, ohne sich offen verwerflich zu zeigen. Es verlangt kulturkritisches Wissen, um den Selbstverwerfungen entgegentreten und sie umkehren zu können.

Deshalb hatte der TC einen Doppelcharakter, der nicht unproblematisch war. Er bot Menschen, die in Lebenskrisen waren, Kontaktmöglichkeit und Hilfe in sozialen Schwierigkeiten (durch Wohngemeinschaft, Betreuung, Treffen etc.). Und er bot Menschen, die ihren Sozialberuf nicht in seiner gesellschaftlich geforderten Funktion ausüben wollten, die Möglichkeit, an den Grundlagen dieses Berufs, an dessen Begriffen und "Maßnahmen", in einer Weise zu arbeiten, die in der Ausbildung nicht vorkam: In permanenter Auseinandersetzung mit sich und anderen Menschen – auch mit Menschen, die sonst zum "Gegenstand" ihrer Tätigkeit und zum Mittel ihrer Subsistenz bestimmt waren. Hier jedenfalls war es zumindest möglich, dass sich Berufstätige und von ihren unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten "Betroffene" nicht nur für sich zu Wort kamen, sondern sich über ihre Vergegenständlichung, ihre Unterworfenheit im gesellschaftlichen Alltag (Rolle, Beruf, Familie) und den Objektivationen der Kultur (Gefühle, Faschismus, Lebensstile) verständigen konnten. Die Lebensunterschiede blieben durch unterschiedliche Rollen weiterhin erhalten. In einer Art Koexistenz von Betroffenen und politisch und wissenschaftlich motivierten Leuten sprang das, was interessierte (z.B. Kritik der Psychopharmaka und der Institution Psychiatrie), auch wirklich über. Die Mitglieder konnten die Positionen je nach eigener Lebenslage jederzeit wechseln: Es gab Betreuer, Betreuerinnen und Betreute. Der Rollenwechsel war aber eher selten. Häufig aber war der Wechsel im inhaltlichen Bezug auf die Probleme; wer da wem half, nicht eindeutig auszumachen.

Wir verstanden unseren Club als eine Selbstorganisation mit einem kulturkritischen Anspruch. Schon von daher hatten wir in der damaligen Psychoszene, die sich inzwischen auch lebhaft entwickelt hatte, eine Randposition, denn dort war Teestube mit Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung angesagt, nicht "das ständige Problematisieren" von Kultur und Gesellschaft. Auch bei uns gab es Selbsterfahrungsgruppen. Darin wurden aber die geschilderten Probleme mit der Selbstwahrnehmung immer in einen Bezug zur Fremdwahrnehmung gestellt. Diese war unser Thema und Bezugspunkt für die Selbsterfahrung: Wer oder was zwingt dich zu sein, wie du nicht sein kannst oder willst? Und: Warum machst du das alles mit? Die Themen waren von der Gruppe selbst ausgewählt und Gegenstand der Auseinandersetzung, die von theoretischen Diskussionen bis hin zu heftigen emotionalen Streitigkeiten reichten. Meist war beides ineinander verwoben, und deshalb sollte ein Erfahrener, ein "Tutor" hierfür Supervisionsaufgaben leisten.

Dabei wurde aber nicht eine Methode für seelische Verwirklichungen angewandt. Es sollte um die Erarbeitung einer Unterscheidung gehen, die nötig ist, um die objektiven Gründe für die eigene Gefühlsprobleme, die Lebensräumeder Gefühle und Selbstgefühle (z.B. Familie, Freundschaft, Ehe), ihr subjektiver Niederschlag (wie z.B. Schuld, Lebensangst, Zwänge und Depressionen) (10) und ihrer Subjektivität im Leben, also das Leiden an der Existenz objektiver Lebensbestimmungen (Einsamkeit, Existenzangst, Berufsprobleme, Rollenkonflikte), auseinanderhalten zu können. In diesen Gruppen sollte die Vertiefung einer subjektiven Problematik nicht verhindert, aber doch "auf Distanz" gehalten werden, wenn die Gefahr bestand, dass sie im Prozess der vielen Dafür- und Dagegenhaltungen zerredet oder abstrakt vermengt wurde. Hierfür waren aus eben diesem Grund Einzelbetreuungen vorgesehen, die von den Erfahreneren (Tutoren) nach Absprache eingegangen werden konnten. Nicht desto trotz gab es gerade auch in diesen Gruppen viele Selbsterkenntnisse, die wiederum in Einzelgesprächen nicht möglich gewesen wären.

Die meisten der zeitweise 30 bis 50 Mitglieder stöberten in den Angeboten des "Therapeutischen Clubs" herum. Die Angestellten (inzwischen zwei Sozialarbeiter, ein Psychologe, eine Schreibkraft und fünf "Tutoren") hielten das Ganze am Laufen. Und die "Wissenschaftler" (Psychologen, Soziologen, Pädagogen und Philosophen) trafen sich in den entsprechenden Arbeitskreisen zu ihren Themen. Sie waren zum größten Teil in die praktische Arbeit einbezogen.

Wir trafen uns also zu "Selbsterfahrungsgruppen", zu Geselligkeiten (Kino, Sport, Essen usw.) und zu Diskussionen (Arbeitskreise und Plenum). Daneben gab es die Einzelbetreuungen, die mit dem Gruppenleben wenig zu tun hatten, die allerdings im "Tutorentreffen" besprochen wurden. Die Einzelbetreuungen fanden entweder als Besuch in der Psychiatrie, in einem einfachen Zusammensein (z.B. zum Spaziergang oder Baden) oder auch mal im Büro statt. Anfangs hatten wir nur die Räume in der Evangelischen Studentengemeinde. Später bot ein von der Stadt gemietetes Haus am Stadtrand zudem einen Treffpunkt mit Gruppen- und Arbeitsraum und Küche.

Ende der 70ger Jahre bot der TC ein buntes Bild. Es gab Veranstaltungen zum Thema Religion, Familie, Psychiatrie (Filmabende, Aktionen in Haar und auf dem Orleonsplatz), theoretische Arbeitskreise, Papier- und Buchproduktionen, gemeinsame Essen, Feste usw... Später hatten wir eine kleine Druckerei mit einem Kleinverlag (Druck & Verlag der "Arbeitsgruppe Psychologie") und gaben zusammen mit Leuten aus einer anderen Gruppe (HIPSY) eine antipsychiatrische Zeitung, den "Türspalt", heraus. Alles war für jedes Mitglied offen. Zentral war einzig das Plenum und die Mitgliederversammlung. Der bunte Haufen bestand aus Leuten verschiedenster Herkunft, vom Schüler bis hin zur Nonne, vom Sandler bis hin zum Oberlehrer. Immerhin brachte er für fast jeden und jeder Beteiligten wichtige Einsichten in sein/ihr Leben und das anderer Menschen. Hier gab es etwas, was sonst ganz selten war: Die WissenschaftlerInnen waren im praktischen Verständnis von ihrem Leben von begrifflichen Abstraktionen befreit; und die Betroffenen hatten immer etwas zu erzählen.

Der Verein erstarb in den 80ger Jahren so nach und nach durch die Kürzung bis hin zur Streichung der Geldmittel, weil von den Finanzierern die Entwicklung der Sozialpsychiatrie und der darin angelegten "kontrollierten Begleitung" der "Psychisch Kranken" im großen Maßstab betrieben werden sollte. Wir wurden dazu aufgefordert ein Sozialpsychiatrischer Dienst des Diakonischen Werks zu werden. Aber wir hatten uns dieser Entwicklung verweigert. So erfolgte dann seitens des Diakonischen Werks und damit auch vom Bezirk Oberbayern die Kündigung der Zuschüsse wegen unserer Ablehnung und schließlich auch, weil plötzlich die Zugehörigkeit zu einer christlichen Religion für diese Diakonie unabdingbar geworden war,

Wolfram Pfreundschuh